Nach mehr als zwölf Jahren in leitenden IT-Rollen – vom Fullstack-Entwickler zum Product Owner, von der CMS-Einführung bis zur Steuerung internationaler Produktteams in einem führenden Telekommunikationskonzern – bin ich auf ein Muster gestoßen, das sich durch nahezu jedes gescheiterte Digitalisierungsprojekt zieht: Business und Entwicklung arbeiten aneinander vorbei. Die Fachseite hat Wünsche, die Entwicklung liefert etwas anderes. Niemand übersetzt.
Das klingt banal. Aber dieser eine Punkt erklärt einen bemerkenswert großen Anteil der Projektmisserfolge. Laut einer McKinsey-Analyse scheitern rund 70 Prozent aller digitalen Transformationsprojekte daran, ihre ursprünglichen Ziele vollständig zu erreichen – und als Hauptursachen nennt die Studie: fehlende klare Ownership, mangelnde Abstimmung zwischen den Beteiligten und unrealistische Erwartungen an die Technologie.[1]
Für den deutschen Mittelstand verschärft sich das Problem noch durch einen strukturellen Engpass: In Deutschland fehlten laut Bitkom (Dezember 2023) rund 149.000 IT-Fachkräfte – Tendenz steigend.[2] Viele mittelständische Unternehmen haben weder einen dedizierten CDO noch einen erfahrenen Product Owner, der Vorhaben strukturiert steuert. In diesem Artikel erkläre ich, warum das so teuer werden kann – und welcher Ansatz in der Praxis tatsächlich funktioniert.
Ein Maschinenbauunternehmen mit rund 45 Mitarbeitern möchte seinen Vertriebsprozess digitalisieren: Angebote sollen schneller erstellt, Kundenkontakte zentral dokumentiert und das bestehende ERP-System angebunden werden. Ein externes Software-Haus wird beauftragt. Nach 14 Monaten Projektlaufzeit und einem Budget, das von 90.000 auf über 170.000 Euro gewachsen ist, ist das CRM live – aber der Großteil der Vertriebsmitarbeiter nutzt es kaum. Die ERP-Schnittstelle funktioniert nur halb, die Dokumentation ist lückenhaft. Was ist schiefgelaufen? Niemand hat kontinuierlich sichergestellt, dass das, was die Entwickler bauen, dem entspricht, was der Vertrieb wirklich braucht. Kein strukturiertes Backlog, keine klaren Prioritäten, kein interner Treiber. Dieses Muster begegnet mir in Beratungsgesprächen regelmäßig – branchenübergreifend.
Warum scheitern Digitalisierungsprojekte im Mittelstand?
Die Ursachen liegen selten in der Wahl der falschen Software. In der überwältigenden Mehrheit der Fälle sind es organisatorische und kommunikative Faktoren, die ein Projekt zum Entgleisen bringen. Ich sehe dabei immer wieder fünf Kernmuster:
- Keine klare Ownership: Digitalisierungsprojekte brauchen einen Treiber – jemanden, der Prioritäten setzt, Entscheidungen herbeiführt und den Überblick behält. In vielen KMUs übernimmt diese Rolle „irgendwie" der Geschäftsführer, der IT-Mitarbeiter oder der Projektleiter des Softwarehauses – keiner davon mit vollem Fokus. Das Ergebnis: Anforderungen werden nicht priorisiert, wichtige Entscheidungen verzögern sich, das Projekt driftet.
- Business und Entwicklung reden aneinander vorbei: Fachabteilungen denken in Prozessen und Problemen. Entwickler denken in Features und technischen Constraints. Ohne jemanden, der beide Seiten versteht und übersetzt, entstehen Missverständnisse, die sich über Monate aufschichten – und meist erst bei der Abnahme sichtbar werden.
- Kein strukturiertes Backlog-Management: Anforderungen werden gesammelt, aber nicht priorisiert. Stakeholder-Wünsche landen gleichzeitig im Entwicklungs-Sprint. Das Team arbeitet auf Zuruf statt auf Basis klarer Prioritäten – und am Ende fehlen genau die Funktionen, auf die es wirklich ankommt.
- Technologie als Selbstzweck: „Wir brauchen KI." „Wir müssen in die Cloud." Diese Sätze hört man oft – aber selten wird zuerst gefragt: Welches konkrete Problem soll gelöst werden? Welchen Mehrwert erzeugt die Technologie messbar? Investitionen in Technologie ohne klaren Business Case verbrennen Budget, ohne Wirkung zu erzeugen.
- Fehlende Iterationskultur: Klassische Projekte werden nach dem Wasserfallmodell geplant: Anforderungen erheben, Spezifikation schreiben, entwickeln, abliefern. Wenn sich herausstellt, dass die Anforderungen nicht vollständig waren – und das ist in der Praxis nahezu immer der Fall –, ist das Budget aufgebraucht. Agile, iterative Vorgehensweisen erlauben frühzeitiges Feedback und Kurskorrektur, bevor Fehler teuer werden.
Was sagen die Zahlen?
Diese Muster sind keine Einzelbeobachtungen – sie sind empirisch gut belegt. Drei Zahlen verdeutlichen das Ausmaß:
Die 11-Prozent-Zahl klingt abstrakt – aber konkret bedeutet sie: Bei einem Digitalisierungsprojekt mit einem Budget von 150.000 Euro werden rechnerisch rund 16.500 Euro durch Planungsfehler, Kommunikationslücken und mangelhaftes Anforderungsmanagement verschwendet. Bei größeren Projekten wächst dieser Betrag entsprechend.
Was wirklich funktioniert: Der systematische Ansatz
Die gute Nachricht: Diese Muster sind keine Naturgesetze. Sie entstehen dort, wo klare Strukturen fehlen – und lassen sich durch die richtigen Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge verlässlich vermeiden. Aus der Praxis langjähriger Enterprise-Projekte – mit Erfahrung auf beiden Seiten, als Entwickler und als Product Owner – hat sich dabei ein dreistufiger Ansatz bewährt.
Klarheit schaffen: Digital Assessment
Bevor investiert wird, muss klar sein, wo das Unternehmen wirklich steht. Ein strukturiertes Digital Assessment analysiert den digitalen Reifegrad, identifiziert die größten Hürden und liefert priorisierte Handlungsempfehlungen. Fixer Scope, kein offenes Stundenbudget – Klarheit als Ergebnis, nicht als Versprechen. Geeignet für: jedes Unternehmen, das Digitalisierung strategisch angehen will, bevor es investiert.
Ownership etablieren: Interim Product Owner
Nach dem Assessment braucht das Vorhaben einen Treiber. Ein Interim Product Owner übernimmt Backlog-Management, Stakeholder-Abstimmung und Fortschrittskontrolle – ohne Festanstellung, ohne monatelange Einarbeitung. Der Entwickler-Hintergrund ermöglicht dabei die Übersetzung zwischen beiden Seiten: Was gebaut wird, entspricht dem, was tatsächlich gebraucht wird. Geeignet für: laufende Digitalisierungsprojekte, denen ein dedizierter Steuermann fehlt.
Technologie ehrlich bewerten: KI-Beratung
Viele Unternehmen spüren den Druck, KI einzusetzen – aber ohne klaren Business Case und ehrliche ROI-Analyse verbrennt man Budget für Pilotprojekte ohne Wirkung. Anbieterunabhängige KI-Beratung bewertet, welche Initiativen sich im konkreten Unternehmenskontext wirklich rechnen – ohne Herstellerinteressen, ohne Hype. Geeignet für: Unternehmen, die KI strategisch einordnen wollen, bevor sie investieren.
Warum der Einstieg über das Assessment: Der häufigste Fehler ist, direkt in die Lösung zu investieren – ohne zu wissen, ob die Diagnose stimmt. Ein strukturiertes Digital Assessment dauert 2–4 Wochen, hat einen fixen Scope und liefert als Ergebnis einen priorisierten Umsetzungsplan. Was danach kommt, hängt von Ihren Prioritäten ab – nicht von einer vorgefertigten Empfehlung.
Checkliste: Wann ist externe Unterstützung der richtige Schritt?
Externe Unterstützung lohnt sich besonders dann, wenn interne Ressourcen oder Know-how für eine strukturierte Entscheidung fehlen. Konkret: Wenn eines der folgenden Szenarien auf Sie zutrifft, ist der Zeitpunkt für eine erste Analyse gekommen.
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Digitalisierungsprojekte laufen ins Stocken, ohne dass klar ist warum Meetings gibt es genug – aber Entscheidungen und Fortschritte nicht. Das ist das klassische Zeichen fehlender Ownership.
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Business und IT / Software-Dienstleister sprechen aneinander vorbei Anforderungen werden besprochen und trotzdem falsch umgesetzt. Jemand, der beide Seiten versteht, fehlt.
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Sie stehen vor einer größeren Investitionsentscheidung (ERP, CRM, Cloud, KI) Bevor Sie ein Softwarehaus beauftragen, sollten Sie wissen, ob Anforderungen und Scope klar genug definiert sind. Sonst ist das Budget-Risiko hoch.
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Ein laufendes Projekt ist aus dem Ruder gelaufen Überbudget, hinter Plan, Stakeholder unzufrieden – externe Analyse und Neustrukturierung können Projekte retten, die intern festgefahren sind.
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KI ist ein Thema – aber niemand weiß, wo anzufangen „Wir müssen irgendwas mit KI machen" ist kein Business Case. Eine ehrliche Bestandsaufnahme vorher spart teure Fehlversuche.
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Sie wollen Digitalisierung strategisch angehen, nicht reaktiv Das Digital Assessment liefert Klarheit, bevor Vorhaben starten – nicht nachdem das Budget weg ist.
Mit und ohne dedizierten Treiber: Ein Vergleich
Der Unterschied zwischen Digitalisierungsprojekten mit und ohne klare Ownership zeigt sich nicht erst beim Scheitern – er ist von Beginn an spürbar. Hier ein strukturierter Vergleich der typischen Erfahrungen:
- – Anforderungen werden gesammelt, aber nicht priorisiert
- – Stakeholder-Abstimmung kostet Wochen, Entscheidungen verzögern sich
- – Entwicklungsteam arbeitet auf Zuruf, Sprint-Ziele verschwimmen
- – Budget wächst, weil Nachforderungen nicht früh erkannt werden
- – Am Ende: System ist live, aber Nutzung bleibt hinter Plan
- – Fehler werden sichtbar, wenn das Geld schon ausgegeben ist
- ✓ Priorisiertes Backlog – klare Reihenfolge, klare Verantwortung
- ✓ Stakeholder-Management strukturiert: wer entscheidet was, bis wann
- ✓ Iterative Lieferung: frühes Feedback, Kurskorrektur vor Budget-Ende
- ✓ Entwickler-Hintergrund: technische Einschätzungen sind realistisch
- ✓ Ergebnisse messbar: Definition of Done, OKRs, Fortschritts-Reviews
- ✓ Keine Festanstellung: flexibel, monatlich kündbar, kein Risiko
Was ist mit KI – lohnt sich der Einstieg?
Diese Frage kommt in fast jedem Erstgespräch. Meine ehrliche Antwort: Es kommt darauf an – und zwar auf den konkreten Anwendungsfall, die vorhandene Datenqualität und den realistischen Aufwand für Integration und Pflege.
Es gibt KI-Anwendungen, die sich im Mittelstand heute wirklich rechnen: automatische Belegverarbeitung, KI-gestützte Suche in Wissensdatenbanken, Predictive Maintenance in der Fertigung oder die Unterstützung von Vertriebs- und Serviceteams durch generative KI. Diese Use Cases haben klare Business Cases und überschaubare Implementierungskosten.
Es gibt aber auch KI-Projekte, die im Mittelstand aktuell noch keinen positiven ROI liefern: vollständig autonom agierende Agentensysteme, Eigenentwicklungen auf Basis von Basis-Modellen oder groß angelegte Datenplattformen ohne ausreichend strukturierte Eingangsdaten. Diese Unterscheidung – was rechnet sich wirklich, was ist noch Hype – ist der Kern meiner KI-Beratung.[4]
Zur Einordnung: Laut dem McKinsey Global Survey on AI 2024 haben Unternehmen, die KI strategisch einsetzen – also mit klarem Use Case, definierten KPIs und einer internen Verantwortlichkeit –, deutlich bessere Ergebnisse als solche, die KI als Pilotprojekt ohne Einbettung in Geschäftsprozesse starten.[5] Der Einstieg über einen begrenzten, gut definierten Use Case ist fast immer der bessere Weg.
Fazit: Digitalisierung scheitert selten an der Technologie
Der wichtigste Satz, den ich nach mehr als zwölf Jahren in der Enterprise-IT mitnehme: Digitalisierung scheitert selten an der falschen Software. Sie scheitert an fehlender Ownership, unklaren Prioritäten und an der Lücke zwischen dem, was die Fachabteilung braucht, und dem, was die Entwicklung liefert.
Der Gegenentwurf ist kein Geheimrezept: Klare Bestandsaufnahme (Digital Assessment), strukturierte Steuerung durch jemanden, der beide Seiten versteht (Interim PO), und ehrliche Bewertung technologischer Möglichkeiten (KI-Beratung ohne Hype). In dieser Reihenfolge, mit realistischen Erwartungen.
Wenn Sie vor einer Digitalisierungsentscheidung stehen – ob ERP-Einführung, CRM-Projekt, Cloud-Migration oder KI-Initiative – lohnt sich zuerst die Frage: Haben wir die Klarheit, die wir für diese Entscheidung brauchen? Und haben wir jemanden, der das Vorhaben strukturiert treibt? Wenn eine der beiden Antworten Nein ist, sollte das der erste Schritt sein.
Sie stehen vor einem Digitalisierungsprojekt – oder haben das Gefühl, dass ein laufendes Vorhaben nicht den Kurs hält? In einem unverbindlichen Erstgespräch höre ich zu, stelle die richtigen Fragen und sage Ihnen ehrlich, ob und wie ich helfen kann.
Quellen
- [1] McKinsey & Company (2021): Losing from day one: Why even successful transformations fall short. McKinsey & Company, People & Organizational Performance Practice. mckinsey.com ↗ ↩
- [2] Bitkom e. V. (Dez. 2023): Rekord-Fachkräftemangel: In Deutschland sind 149.000 IT-Jobs unbesetzt. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V., Berlin. bitkom.org ↗ ↩
- [3] Project Management Institute (PMI) (2023): Pulse of the Profession 2023 – Power Skills: Redefining Project Success. PMI Global, Newtown Square, PA. pmi.org ↗ ↩
- [4] Bitkom e. V. (2024): Erstmals beschäftigt sich mehr als die Hälfte der Unternehmen mit KI. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V., Berlin. bitkom.org ↗ ↩
- [5] McKinsey & Company (2024): The state of AI in early 2024: Gen AI adoption spikes and starts to generate value. McKinsey Global Survey. mckinsey.com ↗ ↩